2. Moderne Lebenswelt durch einseitiges Wirklichkeitsverständnis geprägt
Da die Wissenschaften in der Neuzeit zur Instanz geworden sind, die die mittelalterliche Religion abgelöst hat, ist ihnen auch die Macht zugewachsen, darüber zu entscheiden, was wahr und wirklich ist. Die Macht der Wirklichkeitsdefinition liegt in der Neuzeit in den Händen mechanistisch und technokratisch denkender Autoritäten. Die nicht mechanistisch erfaßbaren oder technokratisch verwertbaren Dimensionen der Wirklichkeit und des menschlichen Lebens werden als irrational verworfen und für nicht-existent erklärt. Das 20. Jahrhundert hat in nahezu allen Lebensbereichen die Erfahrungsgrundlagen dafür geschaffen, zur Einsicht in die fatalen, zerstörerischen Konsequenzen dieses mechanistisch-technokratischen Denkens zu gelangen. Die Lebensbedingungen der Menschheit im 21. Jahrhundert sind zu einem großen Teil ein Ergebnis der technokratischen Gestaltungsmacht, die aus dem materialistischen Wissenschafts- und Wirklichkeitsverständnis erwachsen ist. Die geschichtlichen und sozialen Katastrophen des 20. Jahrhunderts sind nicht auf ein Defizit an wissenschaftlicher Rationalität zurückzuführen, sondern auf die Unangemessenheit dieser Rationalität an die Komplexität der Wirklichkeit.
