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15. Selbstbewußtsein, Seele und Geist

Ein Selbstbewußtsein, durch das er sich als Ich zu bezeichnen vermag, erlangt der Mensch erst durch die denkende Selbstreflexion. In dieser denkenden Selbstreflexion, in der der Mensch durch die Wahrnehmung seiner Denktätigkeit zu einem Denkselbstbewußtsein gelangt, erfaßt er sich als geistiges Wesen. Dieses geistige Wesen des Menschen, das man auch als Ichwesenheit bezeichnen kann, verbindet sich mit der Seele und durchdringt diese mit seiner anteilnehmenden Wärme und Präsenz. Dadurch eignet sich das geistige Wesen des Menschen die ihm von der Seele präsentierten Erlebnisinhalte als seine eigenen Wesensinhalte an, obwohl es sich – seinem Wesen nach – von all diesen Inhalten unterscheidet.

So wie die Seele durch ihre Tätigkeit am Leib zu einer Wahrnehmung ihrer selbst gelangt, gelangt das geistige Wesen des Menschen, indem es durch die Seele seine Tätigkeit entfaltet und sich auf die ihm von der Seele und vom Leib präsentierten Weltinhalte bezieht, zu einem Bewußtsein dieser Weltinhalte. Wenn es seine Tätigkeit jedoch an der Seele spiegelt und sich durch sie als denkendes Wesen manifestiert, erlangt es an der Wahrnehmung dieser Tätigkeit ein geistiges Selbstbewußtsein.

Ebenso wie die Seele mit den Lebenskräften verbunden und zugleich auf sie antagonistisch bezogen ist, ist das Ich mit der Seele verschränkt und auf sie antagonistisch bezogen. Dies zeigt sich, wenn das Ich durch sein Denken Ideen hervorbringt, die es als moralische Ideale seinem Handeln zugrundelegt, sich dadurch aber in Widerspruch zu den Erlebnissen der Seele stellt. Während diese durch ihre Begierden oder Neigungen den Menschen zu einem bestimmten Verhalten drängen möchte, kann sich das Ich, von den selbstgewählten Idealen geleitet, mit denen es sich in Liebe verbindet, den Neigungen des Seele entgegenstellen und zu ihr in Widerspruch treten. Am Ausgang dieses Konfliktes läßt sich ablesen, wie sehr sich das geistige Wesen des Menschen, das Ich, bereits von den Kräften der Seele emanzipiert hat, oder wie sehr es ihnen noch unterworfen ist.

Während das Ich des Menschen, aufgrund seiner Verwandtschaft mit dem übermenschlichen geistigen Weltinhalt, die Seele dazu drängen möchte, sich auch diesem geistigen Weltinhalt hinzugeben und ihm mit all ihren Kräften zu dienen, kann diese sich aufgrund ihrer Verwandtschaft mit dem Körperlich-Lebendigen, die sie sich im Lauf ihrer Verbundenheit mit diesem Teil des Menschen angeeignet hat, diesem Wollen des Ich entgegenstellen. Dadurch wird die substantielle Verschiedenheit von Seele und Geist, aber auch ihre gegenseitige Verschränkung ansichtig.